Letztens gab es auf YouTube einen Kommentar
inwiefern können wir das Chart bei Erkrankungen einsetzen, damit es uns dienlich wird?
und ja, ich gestehe, zuerst dachte ich, er/sie/es will sich das Chart unters Kopfkissen legen, damit es irgend welche gesundheitlichen Probleme heilt – aber dann dachte ich, mach einfach mal wieder nen eigenen BlogBeitrag draus – und voila – hier isser:
Kann uns unser Human Design dabei helfen, bewusster mit unserer Ernährung und unserer Gesundheit umzugehen? Und was haben unsere Variablen eigentlich mit unserem persönlichen Wohlbefinden zu tun?
Wenn wir uns mit Human Design beschäftigen, stoßen wir früher oder später auch auf das Thema Ernährung. Schließlich gehört die sogenannte Ernährung zu den vier Variablen, die uns im Chart begegnen.
Und damit kommen wir zu einer interessanten Frage: Können wir aus unserem Human Design tatsächlich etwas darüber erfahren, was uns guttut, wie wir mit unserem Körper umgehen und welche Rolle unsere individuellen Bedürfnisse dabei spielen?
Ja, wir können uns damit beschäftigen. Allerdings ist mir eine klare Abgrenzung besonders wichtig. Denn zwischen der persönlichen Auseinandersetzung mit Ernährung und Gesundheit und medizinischen Aussagen gibt es einen entscheidenden Unterschied.
Unser Chart ist weder Diagnoseinstrument noch Gesundheitsprognose
Fangen wir mit einer grundsätzlichen Klarstellung an:
Das Human Design Chart ist kein medizinisches Instrument. Es kann weder Erkrankungen diagnostizieren noch gesundheitliche Risiken, Krankheitsdispositionen oder zukünftige Erkrankungen vorhersagen.
Wir können aus einem offenen oder definierten Zentrum keine Aussagen über die gesundheitliche Beschaffenheit eines Menschen ableiten.
Wir können aus bestimmten Toren, Kanälen oder Schaltkreisen keine konkreten Krankheitsbilder herauslesen.
Und wir können auch nicht behaupten, dass bestimmte gesundheitliche Beschwerden durch eine bestimmte Definition, eine offene Stelle im Chart oder eine nicht korrekt gelebte Strategie entstehen.
Ebenso wenig lässt sich aus dem Chart erkennen, welche Organe möglicherweise besonders anfällig sind, welche körperlichen Funktionen Unterstützung benötigen oder welche medizinischen Maßnahmen sinnvoll wären.
Human Design ist keine medizinische Wissenschaft und seine Aussagen sind nicht als medizinisch validierte Erkenntnisse über den menschlichen Körper zu verstehen.
Das gilt ausdrücklich auch für die Variablen und die darin enthaltene Ernährungsbetrachtung.
Ich halte diese Unterscheidung für ausgesprochen wichtig. Denn es wäre nicht nur unseriös, aus einem Chart medizinische Empfehlungen abzuleiten. Es könnte im ungünstigsten Fall sogar dazu führen, dass Menschen notwendige Untersuchungen, Diagnosen oder Behandlungen hinauszögern oder durch vermeintlich passende Human-Design-Empfehlungen ersetzen.
Das ist nicht der Sinn dieser Betrachtung.
Ernährung im Human Design – aber bitte nicht mit einem Ernährungsplan verwechseln!
Eine der vier Variablen beschäftigt sich mit dem Thema Ernährung beziehungsweise der Aufnahme von Nahrung.
Dabei begegnen uns unterschiedliche Ausprägungen, beispielsweise:
- Appetit
- Geschmack
- Durst
- Berührung
- Klang
- Licht
Je nach Ausprägung gibt es weitere Unterscheidungen, die wir bei einer genaueren Betrachtung berücksichtigen können.
Jetzt könnte man natürlich auf die Idee kommen, daraus einen individuellen Ernährungsplan zu erstellen. Vielleicht sogar mit einer Liste geeigneter Lebensmittel, einer Empfehlung, was morgens, mittags und abends auf den Tisch kommen sollte, und ein paar passenden Rezepten.
Das ist allerdings ausdrücklich nicht das, was ich unter der Betrachtung der Ernährung im Human Design verstehe.
Du bekommst hier weder einen konkreten Ernährungsplan noch eine Sammlung von Rezepten, die angeblich besonders gut zu deiner Variable passen.
Ich werde auch keine Lebensmittel in gut und schlecht einteilen oder behaupten, dass eine bestimmte Ernährungsweise für alle Menschen mit einer bestimmten Variable geeignet wäre.
Die Ernährungsvariable ist keine wissenschaftlich belegte Ernährungsform und keine medizinische Ernährungsempfehlung.
Sie liefert insbesondere keine Grundlage für Aussagen über Nährstoffbedarf, Kalorienbedarf, Lebensmittelverträglichkeiten, Allergien, Unverträglichkeiten oder die Behandlung ernährungsbedingter Erkrankungen.
Ob jemand beispielsweise bestimmte Lebensmittel meiden muss, ob eine spezielle Ernährungsform medizinisch sinnvoll ist oder ob ein Nährstoffmangel vorliegt, lässt sich nicht aus dem Human Design Chart ablesen.
Dafür braucht es andere Grundlagen und gegebenenfalls eine medizinische beziehungsweise ernährungsmedizinische Abklärung.
Vielmehr möchte ich die Ernährungsvariable als Anlass nehmen, unsere eigene Wahrnehmung und unsere Gewohnheiten genauer zu betrachten.
Wie bewusst nehmen wir Nahrung zu uns? Welche Rolle spielen äußere Einflüsse? Essen wir, weil wir Hunger haben, weil es gerade passt, weil andere essen oder weil es einfach zur Gewohnheit geworden ist?
Und wie viel davon nehmen wir überhaupt bewusst wahr?
Was hat unsere Ernährung mit unserer Wahrnehmung zu tun?
Hier wird es spannend, denn die Variable Ernährung eröffnet im Human Design eine Betrachtungsebene, die sich mit der Art und Weise beschäftigt, wie wir Nahrung aufnehmen und welche Bedingungen dabei eine Rolle spielen.
Das kann uns dazu anregen, genauer hinzuschauen:
- Wie nehmen wir Hunger und Sättigung wahr?
- Essen wir nebenbei oder schenken wir der Nahrungsaufnahme Aufmerksamkeit?
- Welche Rolle spielen Geräusche, Licht und äußere Reize?
- Wie beeinflusst unsere Umgebung unser Essverhalten?
- Wie stark orientieren wir uns an gesellschaftlichen Vorstellungen darüber, was gesundes Essen ist?
- Wie häufig essen wir aus Gewohnheit, Zeitdruck oder emotionalen Beweggründen?
Das sind Fragen zur SelbstBeobachtung, nicht zur medizinischen Beurteilung.
Wenn wir beispielsweise feststellen, dass uns eine ruhige Umgebung beim Essen angenehmer ist, ist das eine persönliche Wahrnehmung. Daraus folgt aber nicht, dass Menschen mit einer bestimmten Ernährungsvariable aus gesundheitlichen Gründen zwingend in einer ruhigen Umgebung essen müssen.
Diese Unterscheidung sollten wir bei allen Variablen im Hinterkopf behalten.
Gesundheit ist mehr als Ernährung
Wenn wir über Gesundheit sprechen, sollten wir uns nicht ausschließlich auf die Ernährung konzentrieren.
Gesundheit und Erkrankungen sind komplexe Themen. Körperliche Voraussetzungen, genetische Faktoren, Umweltbedingungen, Lebensweise, Infektionen, psychische Belastungen und zahlreiche weitere Einflüsse können eine Rolle spielen.
Keiner dieser Zusammenhänge lässt sich durch ein Human Design Chart zuverlässig erklären oder medizinisch bewerten.
Wir können uns allerdings mit der Frage beschäftigen, wie wir mit unserem Alltag, unseren persönlichen Bedürfnissen und den Herausforderungen umgehen, die das Leben mit sich bringt.
Wie gehen wir beispielsweise mit Leistungsdruck um? Wie viel Zeit gestehen wir uns für Erholung zu? Wie reagieren wir auf Veränderungen? Wie stark lassen wir uns von den Erwartungen anderer beeinflussen?
Die Betrachtung der Zentren kann dabei interessante Reflexionsimpulse liefern.
Ein Mensch mit definiertem Sakralzentrum könnte beispielsweise seine Energie und Aktivität anders erleben als jemand mit offenem Sakralzentrum. Daraus lässt sich allerdings weder eine Aussage über die körperliche Belastbarkeit noch über einen möglichen Energiebedarf ableiten.
Ebenso können wir beim Wurzelzentrum untersuchen, wie wir mit Druck und Stress umgehen, oder beim Emotionalzentrum, welche Rolle emotionale Prozesse in unserem Alltag spielen.
Das sind mögliche Perspektiven auf unser Erleben und Verhalten. Keine Aussagen über körperliche Ursachen, Krankheitsverläufe oder Heilungschancen.
Die Variablen als zusätzliche Betrachtungsebene
Neben der Ernährung gibt es noch drei weitere Variablen, die ich in diesem Zusammenhang nicht außer Acht lassen würde.
Die Umgebung
In welcher Umgebung fühlen wir uns wohl? Welche äußeren Bedingungen empfinden wir als angenehm? Wie wichtig ist es uns, dass unsere Umgebung zu unseren individuellen Bedürfnissen passt?
Die Sichtweise
Wie nehmen wir unsere Umwelt wahr? Worauf richten wir unsere Aufmerksamkeit? Welche Informationen filtern wir heraus und welche Perspektiven prägen unser WeltBild?
Die Motivation
Was treibt uns an? Welche inneren Beweggründe beeinflussen unser Handeln? Und wie häufig lassen wir uns von äußeren Erwartungen oder vermeintlichen Notwendigkeiten leiten?
Zusammen mit der Ernährungsvariable können diese Betrachtungsebenen ein interessantes Gesamtbild ergeben.
Aber auch hier gilt: Die Variablen sind kein medizinisch anerkanntes Modell zur Bestimmung gesundheitsförderlicher Lebensbedingungen. Sie ersetzen weder wissenschaftliche Erkenntnisse noch individuelle medizinische Beratung.
Und was ist mit offenen Zentren und Konditionierungen?
Diesen Bereich finde ich persönlich besonders interessant.
Denn gerade im Umgang mit Ernährung und Gesundheit begegnen uns unzählige gesellschaftliche Vorstellungen, Empfehlungen, Regeln und Erwartungen.
Was ist gesund? Was ist ungesund? Wie viel sollte man essen? Wie oft sollte man Sport treiben? Wie viel Schlaf ist notwendig? Was muss man unbedingt vermeiden?
Und ehe wir uns versehen, haben wir eine ganze Sammlung von Regeln übernommen, ohne jemals genauer zu hinterfragen, ob sie überhaupt zu unserer individuellen Lebenssituation passen.
Hier können uns die offenen und undefinierten Zentren als Reflexionshilfe dienen.
Wo übernehmen wir fremde Maßstäbe? Wo versuchen wir, etwas zu beweisen? Wo erzeugen wir unnötigen Druck? Wo orientieren wir uns stärker an anderen als an unserer eigenen Wahrnehmung?
Dabei sollten wir allerdings nicht den Fehler machen, medizinisch notwendige Maßnahmen als bloße Konditionierung abzutun.
Eine ärztlich empfohlene Behandlung, eine medizinisch notwendige Ernährungsumstellung oder die Vermeidung eines Allergens sind keine Dinge, die wir aufgrund unseres Human Designs infrage stellen sollten.
Selbstreflexion ist sinnvoll. Das Ignorieren medizinischer Fakten ist es nicht.
Was können wir also konkret aus unserem Chart mitnehmen?
Für mich liegt der eigentliche Mehrwert darin, unser Chart nicht als Sammlung von Vorschriften zu betrachten.
Es geht nicht darum, herauszufinden, was wir aufgrund unseres Designs essen, trinken oder tun müssen.
Es geht darum, uns selbst besser kennenzulernen.
Vielleicht entdecken wir, dass wir unsere Mahlzeiten häufig unter Zeitdruck einnehmen. Vielleicht merken wir, wie stark unsere Umgebung unser Essverhalten beeinflusst. Vielleicht erkennen wir, dass wir uns ständig an anderen orientieren oder unseren eigenen Bedürfnissen viel zu wenig Aufmerksamkeit schenken.
Das sind Erkenntnisse, mit denen wir uns auseinandersetzen können.
Wenn wir allerdings Beschwerden haben, unter einer Erkrankung leiden oder eine konkrete Frage zu unserer Ernährung haben, brauchen wir dafür eine entsprechende medizinische beziehungsweise ernährungsfachliche Beurteilung.
Das Human Design kann weder eine Diagnose stellen noch eine Therapie empfehlen, eine Behandlung begleiten oder deren Erfolg beurteilen.
Es kann auch nicht feststellen, ob eine Ernährungsumstellung gesundheitlich unbedenklich ist.
Weniger Vorschriften, mehr BewusstSein
Ich finde, wir sollten Human Design nicht dazu benutzen, uns neue Regeln aufzuerlegen.
Davon gibt es ohnehin schon mehr als genug.
Viel spannender ist doch die Möglichkeit, uns selbst aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten und dabei Zusammenhänge zu entdecken, die uns bisher vielleicht gar nicht bewusst waren.
Auch bei Ernährung und Gesundheit.
Nicht jede Erkenntnis muss sofort in eine Veränderung münden. Manchmal reicht es zunächst völlig aus, etwas wahrzunehmen, das wir bisher einfach als selbstverständlich betrachtet haben.
Human Design ist für mich eine Möglichkeit zur Selbstreflexion und persönlichen EntWicklung – kein Ersatz für medizinisches Wissen, Diagnostik oder Behandlung.
Unser Chart soll uns nicht vorschreiben, wie wir zu leben haben. Es kann uns dabei unterstützen, bewusster wahrzunehmen, wie wir tatsächlich leben und welche persönlichen Erkenntnisse wir daraus gewinnen möchten.
Und genau dort sehe ich seinen Nutzen: nicht in vermeintlichen Gesundheitsversprechen, sondern in der bewussteren Auseinandersetzung mit uns selbst.